LK Chemie Rudolphi


Betrachtet man den Chemie LK als Komplex, so stellt man fest, dass dieser dissoziiert, also aufgespalten/verteilt vorlag. Es gibt in wesentlichen nur drei Elemente, die die drei Barntruper und die vier Blomberger bis zu drei mal in der Woche miteinander verband. Das erste war die gemeinsame Kurswahl. Das nächste war das gemeinsame Milieu der Ort - also unser guter Chemieraum in Barntrup, wo wir unseren Unterricht bestritten. Und zu guter Letzt natürlich unser Kurslehrer Herr Rudolphi, in seiner Funktion als Zentralion, das je nach Situation die Ligandenart, also zwischen Barntrupern und Blombergern, wechselte.

Selten kam es dazu, dass der Unterricht gemeinsam bestritten wurde. Das lag zunächst an einer sehr unterschiedlichen Arbeitsweise. So ging ein Blomberger davon aus, eine Seitenzahl im Buch genannt zu bekommen, ein Barntruper hingegen informierte sich etwas selbstständiger, anstatt Zeit in sinnlosen Diskussionen zu verschwenden. Doch zum obligatorischen Unterrichtsbeginn später mehr.

Dieses auf dem Barntruper Gymnasium antrainierte selbständige Arbeiten ist ein starker Unterschied zum Blomberger Schulsystem, das in seiner so vortrefflichen Planung und Weitsichtigkeit dem Schüler das Wissen häppchenweise und wohl proportioniert mitteilt, sodass Schüler einer klaren Linie folgen kann. Sicher hat ein solches System auch seine Vorteile, aber es ist auch sehr unflexibel.

Und wo wir schon mal gerade bei der Planwirtschaft des Blomberger Gymnasiums sind, sollte man auch gleich mal auf den Klausurenplan zu sprechen kommen. Das Blomberger Politbüro, das von sich selbst behauptet, die Klausuren immer so zu legen, dass die keine gemeinsamen LKs davon betroffen sind, hängt den Plan deshalb umsichtigerweise schon zu Anfang des Halbjahres als unveränderlich proklamiert aus. Es kam aber so, wie es kommen musste und die Klausurtermine der Blomberger überschnitten sich mit den gemeinsamen LK-Stunden der Barntruper. Nicht das uns das stören würde, aber auf dem Hintergrund, dass sich das Blomberger Schulsystem über unsere spontan festgelegten Klausurentermine aufregte und uns eine schlechte Klausurplanung vorwarf, ist das schon ein dicker Hund und führte nicht zuletzt zu Streitigkeiten zwischen den Kooperationslehrern.
Diese Sturheit, Unflexibilität und Formtreue führte häufig zu regen Diskussionen zu Beginn einer jeden Stunde. Nachdem dieser kleine, schon fast routinemäßiger Smalltalk beendet worden war, von dem sich die Barntruper Schüler meist fern hielten, begann der eigentliche Unterricht. Wie schon zu Anfang erwähnt, verlief dieser eher zweigleisig. In der Regel schrieb Herr Rudolphi zunächst das Datum und das derzeitige Thema mit denen dazugehörigen Themenfeldern, die er in dieser Stunde abhandeln wollte, an dieTafel. Die Barntruper Schüler begannen von alleine, die Aufgaben zu lösen. Die Blomberger brauchten meist eine Extraeinladung von Herrn Rudolphi, der dann meistens eine Frage, Unwissenheit oder dergleichen entgegesetzt wurde. Herr Rudolphi ging daraufhin sofort auf die Schüler ein und besprach mit ihnen die Probleme. Bei diesen Aktionen wurden die Barntruper meist vom Unterricht ausgeschlossen, was aber auch zu keinerlei Problemen führte, da sie derweil schon über ihren Büchern hingen und an der Lösung arbeiteten. Sie durften sich erst beteiligen, wenn Herr Rudolphi es nicht besser erklären konnte oder eine andere Variante zum Verständnis brauchte, die den Blombergern besser zusagte.

Dieses zweigleisige Arbeiten war aber nicht unbedingt Anlass zur Sorge, schließlich lernte man für sich selbst und für's Leben, was in der Barntruper Gruppe auch gut zu praktizieren war. Des Weiteren ist es auch häufig so gewesen, dass die Blomberger immer eher den Hang zur Praxis hatten, während die Barntruper sich für den Moment noch mit der Theorie befassten. Dies endete dann meist so, dass die Blomberger die Experimente und Beobachtungen machten, während die Erklärung dann meist von den "Drei kleinen Chemikern" - wie sie von einem der Blombergern genannt wurden - erwartet wurde.

Für einen Außenstehenden mag das jetzt vielleicht so klingen als würden wir uns gut ergänzen, aber dem war nicht so. Dieser hier beschrieben Unterrichtsverlauf behinderte das thematische Vorrankommen im Unterricht sehr. Besonders hinderlich war ein "Verwähler" der Blomberger. Er sah es wahrscheinlich als seine heilige Pflicht an, alle außerchemischen Probleme, die den Chemieunterricht schnitten, auszudiskutieren. Er hatte zwar nie wirkliche Argumente und nie wirklich Ahnung, aber immerhin zu allem eine Meinung. Und die musste er grundsätzlich lautstark vertreten. Schließlich fühlte sich dieser Jemand zu Höherem als Chemie berufen. Ließ sich aber der werte Herr einmal herab, um uns nicht-zu-höherem-Bestimmten etwas zu erklären, erfreute er uns mit völlig losgesagten Erklärungen, gestützt durch sein ewig schwafelndes Mundwerk. Die Barntruper Empfehlung an diesen Schüler war, sich noch mal in die 12 zurückstufen zu lassen und den Sowi-LK (in Blomberg) zu belegen, da man dort bestimmt viele Gleichgesinnte treffen kann.

Nach einer solchen Debatte machte Herr Rudolphi immer einen sehr verklärten Eindruck und machte sich selbst Vorwürfe, den Unterricht nicht richtig geleitet zu haben. Die Erklärung für das Scheitern unseres "Überfliegers" wurde dann aber schnell gefunden und der Lehrkraft somit alle Sorgen vom Herzen genommen.

Doch es gab auch Zeiten, in denen der Chemie LK gemeinsam eine außerschulische Bildungreise ins Saarland nach Völklingen in Anspruch nahm, um das dortige Hüttenund Stahlwerk zu besuchen. Dies geschah auf einer absolut freiwilligen Basis übers Wochenende hinaus. Zwar gingen Barntruper und Blomberger wie gewohnt getrennte Wege, aber zumindest kam es nicht zu Ausschreitungen, wie man sie vom Unterricht her kannte. Alle genossen die Fahrt und zeigten Interesse an dem sehr ausgiebigen Rundgang durch das Stahlwerk und das stillgelegte Hüttenwerk, was heute zum Weitkulturerbe zählt.

Trotz vieler thematischer und sprachlicher Differenzen sind wir allen Beteiligten dieses Kurses für zwei stets aufregende und unterhaltsame Jahre dankbar. Wir hatten mit Sicherheit den impulsivsten und extrovatiertesten Unterricht und werden ihn ganz bestimmt vermissen.

Einen besonderen Dank sei hier nochmal Herrn Rudolphi für die großartige Unterstützung unserer Facharbeiten und der Besonderen Lernleistung ausgesprochen!



© Abi-Zeitungs-Redaktion 2002 des Städt. Gymnasium Barntrup (inkl. aller Rechtschreibfehler, wie im Original!!!)



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